
Ein FSJ bei den Minotauren - Alles, aber nicht das, was ich erwartet habe

Gestartet hat mein FSJ gute anderthalb Wochen vor der Premiere der Produktion „Pilks Irrenhaus“. Aufgrund der intensiven Probenzeit war mein Einstieg dementsprechend eine Mischung aus Chaos, Aufregung, Stress und Dankbarkeit dafür, einen so tiefen Einblick in die Theaterwelt zu erhalten. Bei den Endproben für das Stück zuzusehen, den Dialogen der Minotauren und den Regieanweisungen zu lauschen hat sich sehr wertvoll und unreal zugleich angefühlt.

Ich hab in der Maske und beim Bühnenbildtransport geholfen, Kostüme sortiert und die Beleuchtung getestet. Hierfür bin ich auf Anweisung der Regisseur_innen auf der Bühne auf und ab gelaufen, während sie mit den Techniker_innen das Licht für das gesamte Stück durchgegangen sind. Dabei haben sie über Fragen diskutiert wie „Findet ihr dieses Weiß hier zu kalt?“ oder „Kann man mit dieser Einstellung noch die Mimik erkennen oder ist es zu dunkel?“. Das war eine blendende Erfahrung - im wahrsten Sinne des Wortes. Schließlich habe ich meiner vorangegangen FSJlerin Pirkko Bleck noch in der Audiodeskription des Stücks geholfen. Hierfür haben wir ein Skript verfasst, saßen während der Aufführung in einem Nebenraum und haben in Dialogpausen über ein Mikrofon eingesprochen, was man sieht. So konnte man bei Bedarf im Aufführungsraum mit Kopfhörern die Audiodeskription hören. Diese ermöglicht Menschen mit Sehbeeinträchtigung, dennoch den Verlauf des Bühnengeschehens mitzuerleben. Das war eine unfassbar spannende Erfahrung: Mir ist bewusst geworden, wie anspruchsvoll es ist, neutral und genau zu beschreiben, was man sieht und die richtigen Begriffe und Formulierungen zu finden.
Meine Aufgaben im gewöhnlichen Arbeitsalltag nach den Aufführungen umfassen Wasser bestellen und sortieren, den Fundus aufräumen, Termine der Minotauren dokumentieren und Einkäufe tätigen. Spannender finde ich aber Tätigkeiten wie die Begleitung des Ensembles zu Workshops und die Öffentlichkeitsarbeit, also z.B. Reels für unseren Instagram-Account @minotauros_kompanie zu schneiden. Außerdem leite ich momentan einmal in der Woche eine Tanzeinheit an, bei der erstmal ein Warm-Up mit freien Tanzübungen wie Roter Teppich, Stopptanz und Dance Battles staffindet. Zurzeit setzen wir uns mit Paartänzen auseinander: Discofox und Rumba hatten wir bereits, bald folgen Chachacha, Tango und Langsamer Walzer. Hier bekommen die Minotauren erstmal ein Gefühl für den Rhythmus durch Body Percussion, bevor wir gemeinsam den Grundschritt und später auch Drehungen und andere Tanzfiguren durchgehen.
Schließlich gehen die Minotauren mit Partner_in in die Tanzhaltung und üben die Schritte zu Musik, wobei ich sie unterstütze. Die größte Herausforderung besteht dabei für mich darin, auf alle Bedürfnisse einzugehen und möglichst allen gerecht zu werden, da alle ein unterschiedliches Lerntempo haben. Neben den Tanzeinheiten von mir gibt es Sprech- und Gesangsübungen sowie Theaterübungen z.B. Improarbeit. Außerdem finden Sporteinheiten und viel musikalische Arbeit statt sowie das Erarbeiten künstlerischer Ausdrucksformen. Bei künstlerischen oder musikalischen Übungen bzw. Projekten nehme ich oft auch selbst teil oder unterstütze die Minotauren bei Bedarf. Eine sehr besondere Erfahrung war für mich die Heiße Ecke am 18.12.2025. Aber von vorne, was ist die Heiße Ecke überhaupt? Und nein, es hat nichts mit der Reeperbahn zu tun. Damit ist eine Veranstaltung gemeint, bei der die Minotauren Nummern präsentieren, die sie vorher erarbeiten. Das umfasst Gesang, Schauspiel, Tanz, Poetry Slam, Performance und vieles mehr. Es bietet den Minotauren die Möglichkeit, etwas, was sie vielleicht schon länger präsentieren wollten, in geschütztem Raum vorzustellen. Eingeladen ist das Team der Kompanie und auch ehemalige Mitarbeiter_innen sowie Angehörige der Minotauren und des Teams.
Unsere Heiße Weihnachtsecke am 18.12. hatte ein sehr vielfältiges Programm: Es gab einen Poetry Slam über die Reeperbahn und viele Gesangsnummern - von „Leise rieselt der Schnee“ bis hin zu Elvis Presley. Außerdem durfte das Publikum einer vorgelesenen Weihnachtsgeschichte über einen kleinen Polarfuchs lauschen, untermalt mit selbst komponierter Musik. Hinzu kamen eine berührende Tanzperformance und ein Discofox zu „Ballet Dancer“, den ich mit einer Minotaurin getanzt habe. Außerdem habe ich den Sopran in „Carol Of The Bells“ gesungen und bei den Weihnachtsklassikern mit dem Ensemble „It’s beginning to Look a lot Like Christmas“ und „Jingle Bell Rock“ mitgesungen.
Allerdings lief bei der Heißen Weihnachtsecke ziemlich viel schief: Unser musikalischer Leiter Chris Stawicki lag am Morgen der Aufführung mit hohem Fieber zuhause und fiel somit aus, womit plötzlich alles anders war. Da ich zusammen mit unserem Pianisten Roman Grübner die einzige Person war, die bei den Proben dabei war, hatte ich auf einmal ziemlich viel Verantwortung. Diese Veranstaltung zusammen mit den Minotauren und dem Team zu meistern, war eine große Herausforderung für mich. Es gab kleinere Schwierigkeiten, so mussten einige Nummern gestrichen werden, da nicht nur Chris, sondern auch zwei Minotauren krankheitsbedingt zuhause bleiben mussten. Zusätzlich gab es auch noch Schwierigkeiten mit der Technik… Trotzdem war die Veranstaltung den Umständen entsprechend ein voller Erfolg und hat mir gezeigt, dass man in der Minotauros Kompanie gemeinsam nach Lösungen sucht, sich gegenseitig hilft und dabei über sich selbst hinauswachsen kann.
Zum Schluss möchte ich betonen, dass ich ab dem ersten Tag meines FSJs gemerkt habe, wie besonders die Atmosphäre in der Kompanie ist: Mit den Minotauren fühle ich mich einfach wohl. Niemand verurteilt dich für dein Verhalten. Du bist einfach so, wie du bist. Ich hatte sofort das Gefühl, willkommen zu sein. Alles. Aber nicht das, was ich erwartet habe. Sondern viel besser.
Clari Müsing, Januar 2026

























